

Johannes Brahms, ca. 1866
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Johannes Brahms war einer der einflussreichsten
Komponisten des 19. Jahrhunderts. Sieht man von der Oper ab,
hat der in Hamburg geborene Komponist in allen musikalischen
Gattungen exemplarische Werke geschaffen: in der Orchestermusik
(vier Symphonien, Konzerte), der Kammermusik, der Klaviermusik,
der Oratorien- und Chormusik ("Ein deutsches Requiem")
sowie dem sehr umfangreichen Liedschaffen.
Einzelne Kompositionen waren dabei schon zu Lebzeiten des
Komponisten besonders erfolgreich. Vor allem die Ungarischen
Tänze WoO 1 erfreuten sich großer Beliebtheit,
wenngleich noch in den 1870er Jahren mehrfach Streit über
die Urheberschaft an den Melodien entstand. Zu den prominentesten
Stücken gehört auch das Wiegenlied "Guten Abend,
gut Nacht", das in der populären Rezeption den Status
eines echten Volksliedes erreicht hat. Zur Popularisierung
des Komponisten im medialen Zeitalter hat auch die Verfilmung
des Romans "Lieben Sie Brahms?" von Françoise
Sagan beigetragen: Der dritte Satz Poco Allegretto der Symphonie
Nr. 3 op. 90 wurde zu einem Klassiker der Filmmusik.
Johannes Brahms wurde am 7. Mai 1833 in Hamburg geboren. Von
großer Bedeutung für seine Entwicklung war die
Begegnung mit dem Ehepaar Robert und Clara Schumann im Herbst
1853. In dem berühmten Essay "Neue Bahnen"
feierte Schumann den gerade 20-Jährigen enthusiastisch,
noch ehe der eine einzige Note veröffentlicht hatte:
"Er trug, auch im Äußeren, alle Anzeichen
an sich, die uns ankündigen: das ist ein Berufener."
Schumann rühmte das "geniale Spiel" des jungen
Pianisten, der "aus dem Klavier ein Orchester von wehklagenden
und lautjubelnden Stimmen" mache. "Es waren Sonaten,
mehr verschleierte Symphonien" - so Schumann, der sodann
prophezeite: "Wenn er seinen Zauberstab dahin senken
wird, wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester,
ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbarere Blicke
in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor." Dieses begeisterte
Urteil Schumanns hatte allerdings nicht nur positive Folgen.
Der Artikel war zugleich eine belastende Hypothek: Zeitlebens
wurde Brahms an diesen prophetischen Worten gemessen.
"Ein deutsches Requiem" markierte für Brahms
dann den Durchbruch zum anerkannten Komponisten. Clara Schumann
erinnerte sich bei der Bremer Uraufführung 1868 (noch
ohne den fünften Satz) an den besagten Brahms-Artikel
ihres Mannes: "Ich mußte immer, wie ich Johannes
so da stehen sah mit dem Stab in der Hand, an meines teuren
Roberts Prophezeiung denken 'laßt den nur mal erst den
Zauberstab ergreifen, und mit Orchester und Chor wirken' -
welche sich heute erfüllen sollte."
1869 reifte in Brahms der Entschluss, sich fest in Wien anzusiedeln.
Ende Dezember 1871 bezog er in der Karlsgasse 4 jene Mietwohnung,
die er bis zu seinem Tod beibehielt. Bezeichnenderweise hatte
Brahms dort eine Büste von Beethoven stets "im Nacken",
wenn er am Flügel saß. Noch Anfang der 1870er Jahre
meinte der Komponist gegenüber dem befreundeten Dirigenten
Hermann Levi, er werde "nie eine Symphonie komponieren!
Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist,
wenn er immer einen Riesen [Beethoven] hinter sich marschieren
hört." Mit den Haydn-Variationen von 1873 erreichte
Brahms indes die volle Souveränität über den
Orchesterapparat - der Weg zur Symphonie war nun frei. Die
"Erste" wurde als dezidierte Finalsymphonie zu einer
demonstrativen Auseinandersetzung mit Beethoven, wobei das
berühmte Wort von "Beethovens Zehnter" (Hans
von Bülow) den Sachverhalt nur partiell trifft: Dass
das C-Dur-Thema des Schlusssatzes auffällig mit Beethovens
Freudenthema der "Neunten" korrespondiert, hört
- so Brahms - "jeder Esel".
Ob Brahms der legitime Beethoven-Nachfolger sei, spielte eine
Hauptrolle im großen Parteienstreit des 19. Jahrhunderts
zwischen den Fortschrittlichen und Konservativen. Der Gegensatz
zwischen Brahms und den fortschrittlichen "Neudeutschen",
gegen die Brahms schon 1860 ein Manifest mitunterzeichnet
hatte, beruhte auf einem grundsätzlich unterschiedlichen
Verständnis der Musikgeschichte. Liszt und Wagner hatten
die "Zukunftsmusik" auf ihre Fahnen geschrieben,
sie wollten die Entwicklung der Musik mit der symphonischen
Dichtung und dem Musikdrama unbedingt vorantreiben. Brahmsens
Ziel hingegen war - so sein Lieblingsausdruck - eine "dauerhafte
Musik", die dem historischen Wandel durch ihre spezifische
Qualität entzogen sei. Er favorisierte vor allem die
Kammermusik, die sich introvertiert, aber zugleich systematisch
auf die "Gesetze reiner Musik" allein konzentriert.
In den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens war Brahms
eine führende Persönlichkeit der internationalen
Musikszene, als Pianist, Dirigent und Komponist vielfach bewundert
und verehrt. Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften
wurden ihm verliehen, was Brahms feinsinnig kommentierte:
"Wenn mir eine hübsche Melodie einfällt, ist
mir das lieber als ein Leopoldsorden." Die Universität
in Breslau verlieh ihm die Ehrendoktorwürde, und die
Freie und Hansestadt Hamburg machte ihn zum Ehrenbürger
- eine Auszeichnung, die zuletzt nur Bismarck und Moltke erhalten
hatten. Schon 1881 notierte Clara Schumann in ihrem Tagebuch
"eine große Genugthuung", Brahms "so
anerkannt zu sehen"; er feiere jetzt überall Triumphe,
wie man sie kaum jemals bei einem Komponisten erlebt habe.
Brahms starb am 3. April 1897 in Wien.
Schon bald nach seinem Tod entstand das Bedürfnis nach
einer öffentlichen und die Zeiten überdauernden
Ehrung des Komponisten. Die Male der Erinnerung nahmen allerdings
sehr unterschiedliche Gestalt an: Da sind zunächst die
eigentlichen Denkmäler, die Statuen und Büsten,
die dem Komponisten errichtet wurden. Die künstlerisch
bedeutendsten stehen in der thüringischen Residenzstadt
Meiningen, in seiner Vaterstadt Hamburg und am Ort seines
intensivsten Wirkens: in Wien. Doch auch die große,
mehrbändige Brahms-Biographie von Max Kalbeck, der den
ersten Band 1904 publizierte, war ein ebenso monumentales
Denkmal wie die erste Brahms-Gesamtausgabe, die 1926/27 in
26 Bänden erschienen ist.
Diese Denkmäler sind freilich ins Wanken geraten: Das
Denkmal von Max Klinger, das sich in der Hamburger Musikhalle
befindet, zeigt einen hochaufragenden Brahms, von Musen und
Genien umringt, einen Menschen, der - wenngleich aus Carrara-Marmor
- ins Überirdische hinauszuwachsen scheint. Unabhängig
von dem ästhetischen Rang dieser eindrucksvollen Arbeit:
Kaum mehr sehen wir heute den Komponisten mit den Augen Klingers.
Die Brahms-Büste des Prager Bildhauers Milan Knobloch,
die im Jahr 2000 in die Walhalla bei Regensburg einzog, zeigt
in bewusster Abgrenzung pointiert einen jungen Brahms ohne
Bart.
Auch das Brahms-Bild, das Max Kalbeck auf Hunderten von Seiten
in seiner apologetischen Brahms-Biographie entworfen hat,
ist von der Forschung längst in vieler Hinsicht korrigiert
und ergänzt worden. Und: In Kiel entsteht unter dem Schirm
der Konferenz der deutschen Akademien der Wissenschaften eine
neue Brahms-Gesamtausgabe, die auf einer weitaus umfangreicheren
Quellengrundlage und auf neuen Methoden der Editionspraxis
basiert. Nicht zuletzt durch etliche Neuerwerbungen des Brahms-Instituts
konnte die Quellenbasis für diese Ausgabe erweitert werden.
[Wolfgang Sandberger]
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