Johannes
Brahms (1833 - 1897)


Johannes Brahms, ca. 1866
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Johannes Brahms war einer der einflussreichsten Komponisten des
19. Jahrhunderts. Sieht man von der Oper ab, hat der in Hamburg
geborene Komponist in allen musikalischen Gattungen exemplarische
Werke geschaffen: in der Orchestermusik (vier Symphonien, Konzerte),
der Kammermusik, der Klaviermusik, der Oratorien- und Chormusik
("Ein deutsches Requiem") sowie dem sehr umfangreichen
Liedschaffen.
Einzelne Kompositionen waren dabei schon zu Lebzeiten des Komponisten
besonders erfolgreich. Vor allem die Ungarischen Tänze WoO
1 erfreuten sich großer Beliebtheit, wenngleich noch in
den 1870er Jahren mehrfach Streit über die Urheberschaft
an den Melodien entstand. Zu den prominentesten Stücken gehört
auch das Wiegenlied "Guten Abend, gut Nacht", das in
der populären Rezeption den Status eines echten Volksliedes
erreicht hat. Zur Popularisierung des Komponisten im medialen
Zeitalter hat auch die Verfilmung des Romans "Lieben Sie
Brahms?" von Françoise Sagan beigetragen: Der dritte
Satz Poco Allegretto der Symphonie Nr. 3 op. 90 wurde zu einem
Klassiker der Filmmusik.
Johannes Brahms wurde am 7. Mai 1833 in Hamburg geboren. Von großer
Bedeutung für seine Entwicklung war die Begegnung mit dem
Ehepaar Robert und Clara Schumann im Herbst 1853. In dem berühmten
Essay "Neue Bahnen" feierte Schumann den gerade 20-Jährigen
enthusiastisch, noch ehe der eine einzige Note veröffentlicht
hatte: "Er trug, auch im Äußeren, alle Anzeichen
an sich, die uns ankündigen: das ist ein Berufener."
Schumann rühmte das "geniale Spiel" des jungen
Pianisten, der "aus dem Klavier ein Orchester von wehklagenden
und lautjubelnden Stimmen" mache. "Es waren Sonaten,
mehr verschleierte Symphonien" - so Schumann, der sodann
prophezeite: "Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird,
wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre
Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbarere Blicke in
die Geheimnisse der Geisterwelt bevor." Dieses begeisterte
Urteil Schumanns hatte allerdings nicht nur positive Folgen. Der
Artikel war zugleich eine belastende Hypothek: Zeitlebens wurde
Brahms an diesen prophetischen Worten gemessen.
"Ein deutsches Requiem" markierte für Brahms dann
den Durchbruch zum anerkannten Komponisten. Clara Schumann erinnerte
sich bei der Bremer Uraufführung 1868 (noch ohne den fünften
Satz) an den besagten Brahms-Artikel ihres Mannes: "Ich mußte
immer, wie ich Johannes so da stehen sah mit dem Stab in der Hand,
an meines teuren Roberts Prophezeiung denken 'laßt den nur
mal erst den Zauberstab ergreifen, und mit Orchester und Chor
wirken' - welche sich heute erfüllen sollte."
1869 reifte in Brahms der Entschluss, sich fest in Wien anzusiedeln.
Ende Dezember 1871 bezog er in der Karlsgasse 4 jene Mietwohnung,
die er bis zu seinem Tod beibehielt. Bezeichnenderweise hatte
Brahms dort eine Büste von Beethoven stets "im Nacken",
wenn er am Flügel saß. Noch Anfang der 1870er Jahre
meinte der Komponist gegenüber dem befreundeten Dirigenten
Hermann Levi, er werde "nie eine Symphonie komponieren! Du
hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn
er immer einen Riesen [Beethoven] hinter sich marschieren hört."
Mit den Haydn-Variationen von 1873 erreichte Brahms indes die
volle Souveränität über den Orchesterapparat -
der Weg zur Symphonie war nun frei. Die "Erste" wurde
als dezidierte Finalsymphonie zu einer demonstrativen Auseinandersetzung
mit Beethoven, wobei das berühmte Wort von "Beethovens
Zehnter" (Hans von Bülow) den Sachverhalt nur partiell
trifft: Dass das C-Dur-Thema des Schlusssatzes auffällig
mit Beethovens Freudenthema der "Neunten" korrespondiert,
hört - so Brahms - "jeder Esel".
Ob Brahms der legitime Beethoven-Nachfolger sei, spielte eine
Hauptrolle im großen Parteienstreit des 19. Jahrhunderts
zwischen den Fortschrittlichen und Konservativen. Der Gegensatz
zwischen Brahms und den fortschrittlichen "Neudeutschen",
gegen die Brahms schon 1860 ein Manifest mitunterzeichnet hatte,
beruhte auf einem grundsätzlich unterschiedlichen Verständnis
der Musikgeschichte. Liszt und Wagner hatten die "Zukunftsmusik"
auf ihre Fahnen geschrieben, sie wollten die Entwicklung der Musik
mit der symphonischen Dichtung und dem Musikdrama unbedingt vorantreiben.
Brahmsens Ziel hingegen war - so sein Lieblingsausdruck - eine
"dauerhafte Musik", die dem historischen Wandel durch
ihre spezifische Qualität entzogen sei. Er favorisierte vor
allem die Kammermusik, die sich introvertiert, aber zugleich systematisch
auf die "Gesetze reiner Musik" allein konzentriert.
In den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens war Brahms eine
führende Persönlichkeit der internationalen Musikszene,
als Pianist, Dirigent und Komponist vielfach bewundert und verehrt.
Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften wurden ihm
verliehen, was Brahms feinsinnig kommentierte: "Wenn mir
eine hübsche Melodie einfällt, ist mir das lieber als
ein Leopoldsorden." Die Universität in Breslau verlieh
ihm die Ehrendoktorwürde, und die Freie und Hansestadt Hamburg
machte ihn zum Ehrenbürger - eine Auszeichnung, die zuletzt
nur Bismarck und Moltke erhalten hatten. Schon 1881 notierte Clara
Schumann in ihrem Tagebuch "eine große Genugthuung",
Brahms "so anerkannt zu sehen"; er feiere jetzt überall
Triumphe, wie man sie kaum jemals bei einem Komponisten erlebt
habe. Brahms starb am 3. April 1897 in Wien.
Schon bald nach seinem Tod entstand das Bedürfnis nach einer
öffentlichen und die Zeiten überdauernden Ehrung des
Komponisten. Die Male der Erinnerung nahmen allerdings sehr unterschiedliche
Gestalt an: Da sind zunächst die eigentlichen Denkmäler,
die Statuen und Büsten, die dem Komponisten errichtet wurden.
Die künstlerisch bedeutendsten stehen in der thüringischen
Residenzstadt Meiningen, in seiner Vaterstadt Hamburg und am Ort
seines intensivsten Wirkens: in Wien. Doch auch die große,
mehrbändige Brahms-Biographie von Max Kalbeck, der den ersten
Band 1904 publizierte, war ein ebenso monumentales Denkmal wie
die erste Brahms-Gesamtausgabe, die 1926/27 in 26 Bänden
erschienen ist.
Diese Denkmäler sind freilich ins Wanken geraten: Das Denkmal
von Max Klinger, das sich in der Hamburger Musikhalle befindet,
zeigt einen hochaufragenden Brahms, von Musen und Genien umringt,
einen Menschen, der - wenngleich aus Carrara-Marmor - ins Überirdische
hinauszuwachsen scheint. Unabhängig von dem ästhetischen
Rang dieser eindrucksvollen Arbeit: Kaum mehr sehen wir heute
den Komponisten mit den Augen Klingers. Die Brahms-Büste
des Prager Bildhauers Milan Knobloch, die im Jahr 2000 in die
Walhalla bei Regensburg einzog, zeigt in bewusster Abgrenzung
pointiert einen jungen Brahms ohne Bart.
Auch das Brahms-Bild, das Max Kalbeck auf Hunderten von Seiten
in seiner apologetischen Brahms-Biographie entworfen hat, ist
von der Forschung längst in vieler Hinsicht korrigiert und
ergänzt worden. Und: In Kiel entsteht unter dem Schirm der
Konferenz der deutschen Akademien der Wissenschaften eine neue
Brahms-Gesamtausgabe, die auf einer weitaus umfangreicheren Quellengrundlage
und auf neuen Methoden der Editionspraxis basiert. Nicht zuletzt
durch etliche Neuerwerbungen des Brahms-Instituts konnte die Quellenbasis
für diese Ausgabe erweitert werden.
[Wolfgang Sandberger]