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Hintergrund: Brahms als
Briefschreiber
von Wolfgang Sandberger
Während die Post im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts enorm expandierte, galt Brahms schon
zu Lebzeiten als "Schreibefaulpelz" (Robert
Schumann/Jansen 1886, 331, vgl. im folgenden das Literaturverzeichnis).
Der Komponist selbst hat mit dieser vermeintlichen
Distanz zum Briefschreiben zeitlebens immer wieder
kokettiert, ja man könnte fast von einem Topos
des Briefschreibers Brahms sprechen. Schon der 21-Jährige
meinte gegenüber Clara Schumann: "Entschuldigen
Sie die schändliche Schrift, doch kann ich meine
Hand gar nicht regieren beim Buchstabenschreiben,
Noten male ich besser" (Schumann-Brahms Briefe
I, 15). Anders etwa als Felix Mendelssohn Bartholdy,
der "gewandt, ja glänzend" (Seidl 2008,
7) zu schreiben verstand, gilt Brahms nicht als großer
Briefschreiber. Ansatzpunkte zu einer Revision dieser
Vorstellung finden sich - nicht aus systematischen,
sondern einzelnen inhaltlichen Überlegungen heraus
- bei Ludwig Finscher, der feststellte, Brahms sei
ein "großer Briefschreiber in jenem 19.
Jahrhundert des Briefes", ja Brahms sei "vielleicht
derjenige, der Ironie, Doppeldeutigkeit, Verkleidung
und Rollenspiel am virtuosesten beherrschte"
(Finscher 1999, 31).
Signifikant ist dabei vor allem die ironisch-distanzierte
Haltung gegenüber dem eigenen Werk, wenn Brahms
etwa im Kontext der 4. Sinfonie meinte, er habe "wieder
mal so 'ne Polka- und Walzerpartie zusammenkomponiert"
(Kalbeck III/2, 451), oder im Zusammenhang der 2.
Sinfonie seinen Verleger Simrock fragte: "Wie
wär's, wenn Sie vom Wiegenlied auch Ausgaben
in Moll machten, für unartige oder kränkliche
Kinder?" (Briefwechsel X, 38f.). Das 2. Klavierkonzert
bezeichnete er in einem Brief an Elisabeth von Herzogenberg
als "ein ganz ein kleines Klavierkonzert [...]
mit einem ganz einem kleinen zarten Scherzo"
(Briefwechsel I, 154), die Vier ernsten Gesänge
in mehreren Briefen als "Schnadahüpferl".
Aus den unzähligen Beispielen von Brahms' virtuoser
Beherrschung der Maskierung und Verstellung sei schließlich
ein Brief an den Verleger Rieter-Biedermann herausgegriffen,
in dem der Komponist im Januar 1869 auf den Wunsch
nach einer vierhändigen Ausgabe seines Requiems
eingeht. Voller Ironie äußert er sich dabei
über das Requiem, das Arrangieren und den Wunsch
des Verlegers, eine leicht spielbare Fassung herzustellen,
wobei Anspielungen an die klavierspielende höhere
Tochter des Verlegers nicht ausbleiben: "Ich
habe mich der edlen Beschäftigung hingegeben,
mein unsterbliches Werk auch für 4händige
Seele genießbar zu machen. Jetzt kann's nicht
untergehen. Übrigens ist es ganz vortrefflich
geworden und außerdem sehr leicht spielbar,
wirklich ganz und gar leicht und flott zu spielen.
Fräulein Ida wird es nicht bloß leichter
ablaufen als die Gebirge mit ihrem Papa, sondern ihr
göttlicher, nein, doch götziger Meister
[Anspielung an Herrmann Götz] wird sie gar nicht
im Andante-Schritt halten können. Die Hölle
ist absolviert [Anspielung auf "Hölle, wo
ist dein Sieg?" im sechsten Satz, und ich denke,
der Tage es Ihnen zuzuschicken"; und dass Brahms
letztlich sogar mit den Normen des Briefschreibens
gekonnt zu spielen verstand, zeigt die ironische Schlussformel
des Briefes, die mit barocken Vorbildern kokettiert:
"Womit ich die Ehre habe, zu sein Dero und sonderlich
Dero werten Damen gehorsamster Diener J. Brahms"
(Briefwechsel XIV, 172). Zahllose Briefe dieser Art
ließen sich zitieren, gleichwohl dominiert in
der Literatur nach wie vor die Vorstellung von dem
eher spröden, kryptischen und eben schreibfaulen
Brahms. Auch im Hinblick auf die Quantität der
Schriftstücke kollidiert diese kolportierte Einschätzung
jedoch mit den im neuen Brahms-Briefwechsel-Verzeichnis
ermittelten, statistischen Zahlen.
Von den 10.871 bislang erfassten Schriftstücken
stammen 6.825 von Brahms, 4.046 Schriftstücke
sind an den Komponisten gerichtet (zum Vergleich:
von Dvorák und Bruckner sind deutlich unter
5.000 Briefe bekannt, von Schumann und Weber rund
5.000, von Mendelssohn 7.000, von Wagner und Liszt
rund 10.000). Angesichts dieser Vergleichswerte erscheint
Brahms' Schreibpensum als durchschnittlich,
selbst wenn diese Statistik noch auf die jeweilige
Lebenszeit zu beziehen wäre. Der Brief war auch
für Brahms die zentrale Kommunikationsform. Der
Komponist reagierte in der Korrespondenz mit über
1.000 Briefpartnern in der Regel zeitnah auf einen
ihm zugestellten Brief (dies belegen verschiedene
Korrespondenzen wie etwa mit Joachim oder mit Spitta),
doch natürlich gibt es auch Korrespondenzen,
bei denen das Verhältnis von Brief und Gegenbrief
nicht derart ausgewogen ist - in der Verlagskorrespondenz
etwa. Wie stark die konventionellen Normen der bürgerlichen
Briefkultur letztlich auch seine Vorstellungen von
einer angemessenen Korrespondenz prägten, zeigen
etliche Klagen über andere Briefschreiber. In
einem Brief an Raphael Maszkowski in Koblenz vom 28.
April 1872 heißt es warnend über den Sänger
Vogl, der für eine Aufführung des Rinaldo
vorgesehen war: "Hr. Vogl [...] soll ein unverantwortlich
nachlässiger Briefschreiber sein" (unpublizierter
Brief in Privatbesitz). Solche Empörungen passen
kaum ins Bild vom vermeintlich nachlässigen Briefschreiber
Brahms.
Mit der Konvention des Antworten-Müssens
tat sich allerdings auch Brahms schwer, und nicht
immer begründete er Eile und Kürze so charmant
wie in einem Brief an Elisabeth von Herzogenberg,
in dem die beschworene Vertraulichkeit des "Flüsterns"
nichts anderes als eine verklausulierte Entschuldigung
der Kürze ist: "Liebe, verehrte Freundin!
Wenn ich eilig einige Worte flüstere, so glauben
Sie mir, dass mir's von Anfang bis Ende gar nicht
genügt. Ich wüsste gern 'was Besseres, um
Ihnen recht von Herzen zu danken für Ihre - teils
vortrefflichen, immer aber so lieben und freundlichen
Briefe!" (Briefwechsel I, 49). Die Raffinesse
verdeckt die Konvention, derzufolge Post prompt zu
beantworten war. Im Sommer 1877 verwies Brahms selbst
auf die Konsequenzen, die ein solches spätes
Reagieren im Falle des Verlags Breitkopf & Härtel
haben konnte. Im Blick auf seine Zusage,
das Mozart-Requiem zu edieren, bekennt er, dass er
"zu dem Geschäft" durch seine "Schreibfaulheit
gekommen" sei: "Härtels mussten sich
telegraphisch meine Antwort erbitten und da konnte
ich doch nicht auseinandersetzen, dass und warum ich
nicht wollte" (Brahms an Chrysander, in: Marx
2007, 242). Thematisiert ist hier zugleich indirekt
das Problem der Art der Korrespondenz (Brief, Karte,
Telegramm).
Die Gattung Brief wurde in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts erweitert durch die Korrespondenzkarte,
wobei Brahms einen Teil seiner Korrespondenz auf dieses
neue Kommunikationsmedium verlagerte. Ergänzt
wurde die Karte durch das Telegramm. Beides hatte
Konsequenzen für die Konzeption der Kommunikation.
Korrespondenz- bzw. Postkarte, mehr noch das Telegramm
zwangen zur Kürze der Botschaft. Brahms selbst
hat diesen Sachverhalt einmal ironisch aufgegriffen,
wenn er in einem Brief an den befreundeten Dirigenten
Levi die längere Beantwortung eines mehrseitigen
Schreibens humorvoll elegant umging, indem er seinen
wahrlich kurzen Brief als Telegramm bezeichnete: "Lieber
Freund, Diesmal erlaube ich mir mit einem Telegramm
zu erwidern, trotzdem für so viel Freundliches
es sich schickte einen großen Bogen zu nehmen"
(Briefwechsel VII, 29). Mit der Korrespondenzkarte
bzw. dem Telegramm änderte Brahms auch den Schreibstil,
der notgedrungen komprimierter wurde; Anrede, Satzprädikate
und anderes fehlen häufig.
Bedeutung des Briefwechsels für die Forschung
Der Briefwechsel enthält insgesamt zahlreiche
substantielle Äußerungen über Brahms'
Werke und deren Wirkungen, wichtige Hinweise zur Veröffentlichung
und Wiedergabe, Äußerungen zur Deutung
und Interpretation (Struck 1997, 30). Intime Einblicke
in seinen Arbeitsprozess oder in Gedanken zu ästhetischen
Fragen gewährt die Korrespondenz eher selten.
Dazu gehören etwa die beiden korrespondierenden
Briefe von Brahms und dem Dirigenten Vincenz Lachner
vom Sommer 1879, die Reinhold Brinkmann 1989 erstmals
publizieren konnte: Sie beziehen sich auf Details
der 2. Sinfonie und deren Verständniskontext
(Brinkmann 1989). Insgesamt jedoch gilt eher jene
Mitteilung, die schon der junge Brahms im Februar
1858 gegenüber Clara Schumann machte: "Wundere
Dich nie, liebe Clara, daß ich nicht von meinem
Arbeiten schreibe. Ich mag und kann das nicht"
(Schumann-Brahms Briefe I, 217). Das heißt jedoch
nicht, dass Brahms seine Freunde nicht doch auch an
seinen Kompositionen teilhaben ließ. Immer wieder
hat er neue Werke im Freundeskreis verschickt - an
Clara Schumann, Joseph Joachim oder Julius Otto Grimm
und später an Elisabeth von Herzogenberg. Anschließend
entwickelte sich oft ein Dialog aus Impulsen und Reaktionen,
wenngleich manche verlorenen Briefe heute nur noch
erschlossen werden können. So etwa die süffisant-ironische
Antwort von Brahms auf die Kritik Clara Schumanns
an seiner Motette Es ist das Heil uns kommen her op.
29, Nr. 1 , in der die Fuge mit den durchimitierten
Choralzeilen im Mittelpunkt stand: "Du hast mich
wohl ein bißchen ausgelacht wegen meiner Aussetzungen
an der Choral-Motette? Deine Antwort kommt mir so
etwas ironisch vor - ein Motivchen zu 'ner Fuge,
wie hässlich! Darauf käme allenfalls ein
süßes Schulmeisterlein. Du bist ein rechter
Schlingel, erst soll man alles sagen, was man denkt,
und dann kriegt man so einen Nasenstüber hinterdrein"
(Schumann-Brahms Briefe I, 330; Sandberger 2002, 15).
Einblicke in das Werkverständnis bietet auch
ein Widmungsblatt, auf dem die ersten 24 Takte des
langsamen Satzes der Violinsonate op. 78, die heute
unter dem Namen "Regenlied-Sonate" bekannt
ist, notiert sind. Auf der Rückseite findet sich
ein Widmungsbrief an Clara Schumann. Die entscheidende
Textpassage zu Beginn lautet: "Liebe Clara, Wenn
Du Umstehendes recht langsam spielst sagt es Dir vielleicht
deutlicher als ich es sonst könnte wie herzlich
ich an Dich u. Felix denke - selbst an seine Geige,
die aber wohl ruht". Felix, das Patenkind von
Brahms, war der jüngste Sohn von Clara Schumann,
zudem ein guter Geiger. Damals wurde der junge Mann
schwer krank und starb wenige Tage, nachdem Brahms
diesen tröstenden Brief geschrieben hatte. Die
Formulierung des Briefes zeigt, dass Brahms zumindest
den langsamen Satz dieser Violinsonate als ausdrückliches
Zeichen seiner Anteilnahme an Felix verwendet hat
(Struck 1988; Sandberger 2008). Deutlich wird hier,
wie wichtig die Korrespondenz in Einzelfällen
für das Werkverständnis oder auch entstehungsgeschichtliche
Fragen sein kann.
Für die Brahms-Forschung ist der Briefwechsel
- über solche Einblicke hinaus - eine zentrale
Quelle. Neben primär biographischen Aspekten
ist seine Bedeutung auch aus philologischer Perspektive
kaum zu überschätzen (Struck 1997). Wenige
Aspekte seien herausgegriffen: Abgesehen von den aufschlussreichen
brieflichen Diskussionen mit Verlagen und Lektoren
erfahren wir entstehungsgeschichtliche Details der
Werke oft nur aus Briefen, so etwa, dass die ersten
Wurzeln des 1864/65 komponierten Streichsextetts G-Dur
op. 36 bis ins Jahr 1855 zurückreichen (Brahms
an Clara Schumann, 7.2.1855, Schumann-Brahms Briefe
I, 73ff.). Interessant ist dieser Sachverhalt auch
aus biographischer Perspektive, da viele Kommentatoren
dieses Werk gern als Reflex auf Brahms' Liebe zu der
Göttinger Professorentochter Agathe von Siebold,
deren Anagramm im Kopfsatz tatsächlich zitiert
wird, verstanden haben. Die frühe Themenskizze
im Brief an Clara zeigt jedoch, dass Spuren dieses
Sextetts in eine Zeit zurückgehen, zu der dieser
Aspekt noch keine Rolle spielte. Auch von verschollenen
Werken wie etwa dem Klaviertrio-Satz Es-Dur, der parallel
zum Kopfsatz des 2. Klaviertrios C-Dur op. 87 entstand
und im Freundeskreis kursierte, erfahren wir nur etwas
aus der Korrespondenz mit dem Chirurgen Theodor Billroth
sowie einer Tagebuchnotiz von Clara Schumann (Struck
1997, 37).
Problematisch für die Brahms-Forschung ist,
dass viele der vorliegenden Briefeditionen unvollständig
und fehlerhaft sind - ganz abgesehen davon, dass etwa
ein Drittel der Korrespondenz noch unpubliziert ist.
Eklatante Beispiele irreführender Angaben in
den Editionen bietet Michael Struck (Struck 1988).
Für Irritationen und Spekulationen sorgte etwa
Kalbecks Briefübertragung eines Schreibens von
Brahms an Simrock, demzufolge die sieben Fantasien
op. 116 ursprünglich "drei" und "zwei"
Stücke umfasst hätten (Briefwechsel XII,
79). In Litzmanns Edition des Briefwechsels von Brahms
und Clara Schumann ist im Kontext dieser Fantasien
zudem von einem "c-moll-Stück" die
Rede. Beides sind Lesefehler, die - durch weitere
fehlerhafte Datierungen - zu vielfältigen Überlegungen
hinsichtlich der Entstehung und dem ursprünglichen
Bestand von Klavierstücken geführt haben;
das "c-moll-Stück", das mit keiner
der Fantasien tonartlich korrespondiert, erhielt im
BraWV sogar einen eigenen Eintrag unter den "Verlorengegangenen
Werken". Brahms indes schrieb seinem Verleger
von "drei" und "vier" Stücken,
die definitive Zahl von sieben Stücken scheint
also bei op. 116 von vornherein festgestanden zu haben.
Das "c-moll" liest sich korrekt "e-moll"
und ist damit eindeutig auf das fünfte Intermezzo
aus op. 116 zu beziehen. Solche Beispiele ließen
sich durch weitere ergänzen.
Auch der jüngst aufgetauchte Originalbrief von
Brahms an Rudolf von der Leyen in Krefeld, den der
Adressat in einer Edition 1905 selbst publizierte,
zeigt, wie notwendig eine Neuedition ist: Im Kontext
einer Aufführung des Violinkonzerts schreibt
Brahms, dass ihm als Solisten "Hr. Heermann oder
Her. [sic] Barth sehr recht sind. Ich glaube, Ersterem
schulden Sie die erste Einladung", wobei der
indirekt betroffene Editor die Reihenfolge der beiden
Interpreten vertauscht und den Nachsatz mit der geschuldeten
Einladung einfach unterschlagen hat. Bezeichnend für
den Briefschreiber Brahms ist freilich auch der Schluss
dieses Briefes: "Aber verzeihen Sie das Geschmier,
ich habe keine Zeit, keine Gedult u. - weiß
nichts zu sagen [sic, nach dreieinhalb Seiten!]. Schlagen
sie nur vor und möglichst viel von meinen Collegen
Beethoven und Bach dazu, dann werde ich schon ja sagen
und auch ein wenig mitjubeln!"(Ms., Brahms-Institut
an der Musikhochschule Lübeck)
Angesichts dieser Forschungslage scheint eine kritische
Neuedition des gesamten Briefwechsels von Brahms dringend
notwendig. Die Voraussetzungen sind mit dem Brahms-Briefwechsel-Verzeichnis
geschaffen.
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