Lübeckische Blätter, 2011, 176. Jahrgang, Heft 10

"brahms gewidmet" - Bemerkenswertes beim 20sten Brahms Festival
Beobachtungen von Hans-Dieter Grünefeld , Wolfgang Pardey, Olaf Silberbach und Arndt Voß (Auszug)

Sieben Tage Festival fordern heraus, Dozenten und Studenten, Organisatoren wie Zuhörer. Doch die Anstrengung lohnt sich. Im Jahre 100 des Bestehens der Hochschule und im Jahre 20 des Bestehens des Brahms-Institutes belegte das Festival wieder, was die Hochschule leistet, was die Forschung Neues entdeckte und was Brahms' Werk heute bedeutet, auch im Blick auf zeitgenössisches Komponieren, das einen ungewöhnlich großen Anteil hatte. Und auch Franz Liszt wird zu dessen 200sten Geburtstag mit einigen Kompositionen gewürdigt. Unter dem Hauptthema "brahms gewidmet" gab es 13 Veranstaltungen mit sorgfältig geplanten Programmen, jeweils unter einem zentralen Motto. Eine Ausstellung in der Villa Eschenburg und ein Familienkonzert (zu beidem s. Heft 9 der Lübeckischen Blätter) ergänzten das vielseitige Angebot.

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2. bis 5. Mai
"brahms gewidmet" -
Neu war, die Villa Eschenburg einzubeziehen. In vier einstündigen Programmen wurde dem Festival-Motto "brahms gewidmet" in beiderlei Hinsicht nachgesonnen, bei Brahms gewidmeten Werken und solchen, die Brahms anderen zugeeignete. Anregend war der Bezug zur Ausstellung, ein besonderer "Beziehungszauber", so auch der Titel der liebevoll gestalteten Schau, zumal alle Konzerte durch Mitarbeiter des Institutes moderiert wurden. Sie luden danach zu einem Ausstellungsrundgang ein, bei dem u.a. an einer der Hörsäulen vier von Hans Hubers "Walzern" zu hören sind, phantasievoll gearbeitete Werke, die Konstanze Eickhorst und Manfred Aust zur Ausstellungseröffnung in anderer Fassung darboten.

Das erste Programm am Montag brachte Klaviermusik, nuanciert dargeboten von Seul Ki Cheon und Jason Ponce. Von Brahms spielten sie neben zwei Ungarischen Tänzen fünf der "Walzer" op. 39. Die waren dem Musikkritiker Eduard Hanslick zugeeignet. Brahms formulierte hintersinnig in einem Brief: "… ich dachte an Wien, an die schönen Mädchen, mit denen Du vierhändig spielst, an Dich selbst, den Liebhaber von derlei …"! - Faszinierende lyrische Charakterstücke sind die Brahms gewidmeten Walzer von Theodor Kirchner, wert, häufig aufgeführt zu werden. Max Regers weitschweifige Rhapsodie dagegen hat es schwer, sich im Konzertsaal durchzusetzen, bewundernswert desto mehr der Einsatz von Jason Ponce.

Kammermusik für ein Streichinstrument und Klavier mit Carl Reineckes dritter Cello-Sonate (Boyana Antonova und Christian Ruvolo) und der einem Klarinettisten-Freund gewidmeten Sonate op. 120,2, hier in der von Brahms alternativ vorgesehenen Viola-Fassung (Alexander Petersen und Martin Klett), waren ebenso kontrastreich wie das Abendprogramm.

Das dritte Programm präsentierte Hermann Goetz, als Komponist zu Unrecht vergessen. Sein Klavierquartett, das Brahms "so sehr überrascht als erfreut hat", zeigt ihn als erfindungsreichen Gestalter. So hatten die Streicher Maria Yukiko Meuthen, Joachim Kelber und Yeo Rhim Yoon und Mami Shindo am Klavier eine wunderbare Aufgabe, die sie lebhaft lösten.
Das letzte Programm stellte wie das Abendprogramm die Stimme in den Mittelpunkt. Franziska Stürzel, Valeska Rau, Astrid Pitzner, Florian Sievers und Martin Vögerl gestalteten in unterschiedlichen Formationen, begleitet von Nathali Shibukawa und Karolina Trojok Lieder und Gesänge von Charles V. Stanford, Julius Stockhausen, Karel Bendl und Johannes Brahms. Mit fünf Volkslied-Sätzen beschloss das Quintett ein stimmiges Programm.


Die Veranstaltungen in der Villa im einzelnen:

2. Mai
"Monologe"
Klangreden zwischen Barock und Moderne, Europa und Fernost prägten das Spektrum der "Monologe", nicht additiv gereiht, sondern einer stringenten Dramaturgie unterworfen. So wurde der erste Teil im abgedunkelten Saal zu einer meditativen Séance. Boglárka Pecze intensivierte in Yuns "Monolog" eine weite Bassklarinettenmelodie aus der Stille heraus zu klangschönen Farbschattierungen, und Diethelm Jonas ließ in "Piri" den einzelnen Oboenton ostasiatisch numinos changieren. Direkter im Zugriff wirkte, wie Barbara Buntrock Kurtágs "Jelek" mit schillerndem Violaspiel zwischen Groteske, ekstatischen Doppelgriffen, Zerfasern und gespannter Linie auf den Grund ging. Fünf Kontrabässe (Jörg Linowitzki und Klasse), verstreut auf der Bühne, gaben Macks "CLS" die weitgefächerte Klangsubstanz zu einer musikalischen Geschichte, in der das monologische Konzept in neue Dimensionen wuchs, während Reimanns "Solo" mit Zilvinas Brazauskas weichem Klarinettenton sich poetisch als expressive Linie der klassischen Moderne entfaltete. Zu den Skurrilitäten zählen Schumanns Melodrame "Schön Hedwig" und "Ballade vom Heideknaben", die Rainer Luxem sonor rezitierte, grundiert vom malenden oder psychologisierenden Klavier (Manfred Aust). Angela Firkins näherte sich auf der modernen Flöte in Bachs a-Moll-Partita historischer Spielpraxis in lyrischer Detailarbeit und huschenden Tanzwirbeln. Robert Krampes "a continuance of enduring thought" zeigte als kompetente Uraufführung durch Ulf Tischbirek (Cello) ein vielschichtiges Drama aus feiner Melodielinie, bildkräftigen Arpeggien und Pizzicato-Effekten, das sich befreiend aufhellt. Brahms, der Protagonist des Festivals, kam mit introvertierten Selbstgesprächen zum Schluss mit dem op. 119, seinen letzten Klavierstücken, in den Fokus, die Manfred Aust inspiriert wiedergab: ein verlorenes Nachsinnen, das sich schließlich doch noch zu erregtem Balladenton aufschwang. wpa

3. Mai
" Kontraste"
Unter dem Titel "Kontraste" hatte man sich für das Programm alle Freiheit gegeben und begann mit "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen", Franz Liszts Präludium nach Bach. Arvid Gast spielte in dem für die Orgel akustisch trockenen Saal die Fassung von Weinberger in getragenem Ausdruck und mit sehr deutlicher Artikulation. In das seinerzeit von Benny Goodman in Auftrag gegebene Werk "Kontraste" von Bela Bartok für Violine, Klarinette und Klavier brachten Elisabeth Weber, Sabine Meyer und Christian Ruvolo gleich frischen Schwung hinein. In Bartoks auch heute nicht ganz leicht nachvollziehbarer Tonsprache zeigten sich die köstlichen Dialoge der Soloinstrumente, die folkloristischen Rhythmen, die musikalischen Farben sowie die grandiosen Steigerungen von wunderbarer Vitalität. Anschließend wurde an der Orgel von Arvid Gast spannungsvoll und energiegeladen Liszts "Präludium und Fuge über B A C H" vorgetragen, ein Werk mit klarem Aufbau und reizvollen Schichtungen.
Nach der Pause stand Brahms' 2. Klavierquartett auf dem Programm, gespielt von Feng Nin, Violine, Barbara Westphal, Viola, Troels Svane, Violoncello und Konrad Elser, Klavier. In seiner Entwicklung befand sich dieses Werk auf verschlungenen Pfaden - das sorgfältige Zusammenspiel der Instrumentalisten unterstrich allerdings den expressiven Charakter der Vortragenden. Großer Applaus und Bravos. sil

4. Mai
"Melancholie"
Melancholie und Musik hängen symbiotisch aneinander - als künstlerisches Stimulans, als Inhalt und Ausdruck von Weltflucht und subjektiver Befindlichkeit. Liszts späte Klavierstücke bieten dazu exemplarisch eine bohrend melancholische Befindlichkeit, avantgardistisch aufscheinend. Konrad Elser charakterisierte dies großartig in "Première Valse oubliée" und "La lugubre gondola" mit abgründigem Ton, beharrlichen Flächen und sprengender Harmonik. Im raffinierten "Bagatelle sans tonalité" blitzten Allusionen zum 20. Jahrhundert auf, zu Bartók, Debussy und sogar Ligeti, während das Klavierstück Fis-Dur den Blick auf das Sentimentgeklingel im Salon freigab. Brillant glänzten Elisabeth Weber und Konstanze Eickhorst in Ravels Sonate für Violine und Klavier, die mehr laszive Raffinesse als Melancholie ausstrahlt. "Sanguineus und Melancholicus" traten dann musikalisch in Carl Philipp Emanuel Bachs Triosonate auf, einem historischen Lehrstück in Form eines Diskurses zwischen Flöte (Angela Firkins) und Violine (Elisabeth Weber). Zusammen mit Violoncello (Charles-Antoine Duflot) und Cembalo (Hans-Jürgen Schnoor) fand sich nach etwas langatmigem Streit eine Art Kompromiss, wobei auch bei modernen Instrumenten der Barockklang (oder was man dafür hält) durchschimmerte. Dunkel und schön, voller Feinsinn und in glücklicher Tempowahl entfaltete sich Brahms' Trio a-Moll op.114, intensiv abgestimmt in der Klangfarbe zwischen Reiner Wehle (Klarinette), Troels Svane (Violoncello) und Christian Ruvolo (Klavier), die das Spätwerk in eine beredte Sphäre tauchten - Leidenschaft und melancholisch verträumter Nachklang. wpa

5. Mai
"Tanz"
Für den Walzer hatte Brahms besondere Sympathie. In den "Liebesliederwalzern" ist sie diskret sublimiert. Gleichermaßen gestalteten Lydia Ackermann, Therese Fauser, Michael Gehrke und Hyeon-Jun Yeoum diese Miniaturen mit wenig überschwänglichem Rollengesang, vierhändig gut temperiert begleitet von Konrad Elser und Inge-Susann Römhild. Auch die Original-Walzer des von Brahms verehrten Johann Strauß animieren nicht nur zum Drehtanz, sind vielmehr Minisinfonien mit Introduktionen, die das Publikum nicht gern abwartete. Eben dieses Kunstformat hatten Arnold Schönberg und seine Adepten im Sinn, als sie 1921 Strauß-Walzer für musikalische Privataufführungen arrangierten. Deutliches Vergnügen daran hatten Jörg Linowitzki (Kontrabass), Konstanze Eickhorst (Klavier), Mathias Johansen (Cello) sowie Kayako Bruckmann, Elisabeth Weber und Jessica Sommer (Violinen), als sie "Wein, Weib und Gesang", "Rosen aus dem Süden" und den "Schatzwalzer" mit Verve intonierten. Diese behaglichen Reminiszenzen wurden von zeitgenössischen Werken ergänzt: "Under the Umbrella" (1976) von Jo Kondo war eine Art Sitzchoreographie für Schlagzeug-Quintett, bestehend aus fünf mal fünf Kuhglocken-Sets, auf denen die Interpreten mit Armakrobatik die delikate Kunst monochromer Timbrewechsel in Minimalpatterns präsentierte. Einzig wirklichen Tanz führte Boglárka Pecze in exaltierten Körperbewegungen auf. Entsprechend den Anweisungen in Karlheinz Stockhausens "Der kleine Harlekin" (1975) hüpfte, sprang, drehte und lief sie über die Bühne und auch ins Auditorium, während sie synchron und en bravura den komplizierten Klarinettenpart spielte. Den vom Komponisten intendierten "neuen Musikertypus" hat sie glaubwürdig verkörpert. Und so war physischer "Tanz" doch zu seinem Recht gekommen. grü

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Fazit: Nach sieben Tagen Brahms-Festival war auch im 20sten Jahr seit dessen Bestehen keine Routine bemerkbar. Vielmehr profilierten sich die Motto-Programme durch innere Spannungen, vor allem im Kontrast von alter und neuer Musik. Das regt an, denn bei allem war die Qualität zu spüren, das gemeinsame Bestreben von Dozenten und Studenten, den hohen Standard zu halten, der das Brahms-Festival zu einem der bedeutendsten Ereignisse der Stadt werden lässt.

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