| Lübecker Nachrichten,
12. Februar 2010
Das Alter Verlust und
Aufbruch
LÜBECK -Wenn der Medizin und Wissenschaftshistoriker
Dietrich von Engelhardt und der Musikwissenschaftler
Wolfgang Sandberger zu einem Themenabend ins Brahms-Institut
einladen, kann man sich auf ein intellektuelles und
musikalisches Feuerwerk einstellen.
Das Altern in Medizin und Kultur war das Thema am
Mittwochabend - mit erstaunlichen Ergebnissen. Die
antike Medizin wies dem Alter die Eigenschaften feucht
und kalt zu, die bezeichnende Körperflüssigkeit
des Alters war der Schleim - und wohl auch deshalb
forderte Cicero, gegen das Alter wie gegen eine Krankheit
zu kämpfen, führte von Engelhardt aus. In
seiner Tour durch die Kulturgeschichte aber fand er
auch andere Einschätzungen des Alterns. Schopenhauer
etwa sagte, dass nur wer alt sei, das Leben wirklich
begreife. Die heutige Medizin verschiebe die gesundheitlichen
Probleme der Menschen nur um zehn Jahre - und dann
sind 70 bis 80 Prozent sowieso dement, sagte von Engelhardt.
Musikalische Alterswerke erläuterte Wolfgang
Sandberger. Chopins letzte Mazurken etwa, glänzend
am Flügel dargeboten von Sofja Gülbadamova,
böten kaum einen Hinweis auf das bevorstehende
Ende des Komponisten. Ganz anders Schumanns Variationen
über ein eigenes Thema: Hier manifestiere sich
die verlöschende Geisteskraft des Komponisten
deutlich. Das junge Philos Quartett spielte dann noch
eine letzte Komposition, das Fragment von Haydns Streichquartett
op. 103. Auch hier keine Spur von Resignation oder
nachlassenden Kräften, so Sandberger. Im Gegenteil:
Haydn blieb bis zum Schluss dem Neuen gegenüber
aufgeschlossen. Und ebenso sah Johannes Brahms seine
Alters-Melancholie als etwas Positives. Und wie viel
Kraft auch der alte Brahms noch hatte, zeigte Sofja
Gülbadamova mit der Rhapsodie op. 119 Nr. 4:
Voranstürmend, optimistisch, für Brahms'
Verhältnisse schon fast heiter. So kann das Alter
auch sein - muss es aber nicht.
[Jürgen Feldhoff]
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