Lübecker Nachrichten, 3.12.2008

Aus Brahms’ eigener Hand
Eine wertvolle Handschrift bereichert die Sammlung des Lübecker Brahms-Instituts.
Der Kauf erfolgte unter dramatischen Umständen.

Es ist eine spektakuläre Neuerwerbung für das Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck. Es war bekannt, dass eine Handschrift zu dem Brahms-Lied „Der Überläufer“ op. 48, Nr. 2 existiert – sie war aber noch nie publiziert worden. Bei der Herbstauktion des Berliner Auktionshauses Stargard war sie nun im Angebot – und das Brahms-Institut ist durch glückliche Umstände der neue Besitzer. „Es war die Zusage der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung aus Essen, die uns den Kauf ermöglicht hat“, sagt der Musikwissenschaftler Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Institutes. „Die Zusage erfolgte kurzfristig, und so konnte ich für unser Haus mitbieten.“

Zum Aufruf kam das prachtvolle Notenblatt des 22-jährigen Brahms aus dem Jahr 1855 für 20 000 Euro. Ein Händler aus dem Libanon bot schließlich telefonisch 30 000 Euro für den Autograph, der aus altem deutschen Familienbesitz stammt. Wolfgang Sandberger, dem die Krupp- Stiftung 36 000 Euro zugesagt hatte, bot schließlich 32 000 Euro – „mit zitternden Händen“, wie er heute sagt. Damit war für das Brahms-Institut die Grenze erreicht, mit Aufgeld für das Auktionshaus und Steuern kletterte der Preis auf knapp 40 000 Euro. Ehe der libanesische Händler aber sein Gebot erhöhen konnte, brach die Telefonleitung nach Beirut zusammen. Man versuchte, den Händler zurückzurufen, was aber misslang. So erhielt Sandberger für das Institut den Zuschlag.

Nun sind 40 000 Euro für ein Notenblatt sehr viel Geld – lohnt sich das? „Das Blatt ist aus wissenschaftlicher Sicht äußerst wertvoll, weil sich gravierende Unterschiede zur ersten Druckfassung des Liedes finden, die 1868 erschien. Auch die Widmung an Rosalie Leser, die im Schumann- Kreis um 1855 eine wichtige Rolle spielte, bietet einen Einblick in die Lebensumstände des jungen Brahms. Rosemarie Leser wurde nach Robert Schumanns Selbstmordversuch 1854 Clara Schumanns engste Vertraute. Und außerdem ist es uns durch die Unterstützung der Krupp-Stiftung gelungen, wertvolles nationales Kulturgut für die Forschung in Deutschland zu erhalten.“

Mit Hilfe der Possehl-Stiftung Lübeck steht derzeit ein weiterer wichtiger Ankauf kurz vor dem Abschluss; es handelt sich dabei um bislang unbekannte Brahms-Manuskripte der Chorlieder op. 62. Sie wurden dem Brahms-Institut aus amerikanischem Familienbesitz angeboten. „Dass man uns die vier Autographen angeboten hat, spricht für den Ruf unseres Institutes“, sagt Wolfgang Sandberger. „Wir haben neben dem Wiener Musikverein die weltweit bedeutendste Brahms-Sammlung.“ Wie wichtig das Institut auch als Ort der Brahms-Forschung ist, zeigt sich auch daran, dass im Frühjahr das große Brahms-Handbuch erscheinen wird. Herausgeber: Wolfgang Sandberger.

Jürgen Feldhoff



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