Lübecker Nachrichten, 1./2. Mai 2007

Herrn Brahms in die Post geschaut

Institut der Lübecker Musikhochschule ist dem Komponisten auf der Spur

Da sind sich die Wissenschaftler auf anhieb einig: Nein, zu ihrem engsten Freundeskreis hätte er wohl nicht unbedingt gehört, der Herr Brahms. Dafür sei er wohl zu anstrengend, überempfindlich, zu eigenbrötlerisch gewesen, so ihr Urteil. Zwar konnten Prof. Wolfgang Sandberger, Dr. Christiane Wiesenfeldt und Stefan Weymar M.A. den Komponisten des 19. Jahrhunderts nie selbst persönlich kennen lernen - eine Zeitmaschine gibt es schließlich noch nicht -, aber der in Hamburg gebürtige Johannes Brahms ist ihnen schon recht vertraut. Von Berufs wegen.

Wolfgang Sandberger ist nämlich Leiter des Brahms-Institutes an der Lübecker Musikhochschule, Dr. Christiane Wiesenfeldt wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stefan Weymar M.A. wissenschaftlicher Musikbibliothekar des Institutes. Und das Trio kann inzwischen auf einen schon sehr beachtlichen Bestand an Brahms-Memorabilia verweisen.

660 Fotos, 440 Programmzettel, 11297 Notenseiten, rund 50 Stichvorlagen, 25 Autographe und 200 Briefe bilanzieren sie. Damit ist in der Villa Eschenburg vor den Toren der Lübecker Altstadt, wo das Institut vor fünf Jahren ein neues Zuhause gefunden hat, eine der größten Brahms-Sammlungen in Europa untergebracht.

Doch wie man sich sicherlich bei einer wissenschaftlichen Einrichtung denken kann, ist dieses Zusammentragen von Erinnerungsstücken nicht dem Guinness-Buch der Rekorde geschuldet: im Vordergrund soll - natürlich - die Forschung stehen. Ein Beispiel dafür erläutert der Musikprofessor: "So gehört zu dem aus wissenschaftlicher Sicht wichtigen Bestand die komplette Sammlung der Kompositions-Erstdrucke von Brahms" und liefert die Erklärung gleich dazu: "weil es sich meist um Erstauflagen der Erstdrucke handelt, die oft nur in einer Auflage von 20 bis 30 Stück erschienen sind." Und in diesen Erstdrucken hat der Künstler, der abgesehen von der Oper in allen musikalischen Gattungen exemplarische Werke geschaffen hat, durch allerletzte Korrekturen festgelegt, wie letztendlich seine Kompositionen zu verstehen sind und folgerichtig von den Orchestern rund um den Globus interpretiert werden sollen.

Andere Quellen, wie Skizzen und Entwürfe hat er meist bewusst vernichtet, so dass die Erst- und Frühdrucke oftmals einziger Ausdruck seines Schaffensprozesses sind. Kein Wunder also, dass auf Grund dieses Bestandes an Originalquellen, wie die Forscher sagen, Anfragen aus aller Welt in dem Institut landen. "An uns wenden sich aber nicht nur Musikwissenschaftler, sondern auch Editoren, die verschiedensten Medien, die Musikindustrie, natürlich auch Musiker et cetera", sagt Stefan Weymar. Und damit dann nicht jedes Mal wie bisher der Tresor mit den wertvollen Stücken geöffnet werden muss, um sie zur Vervielfältigung auf den Kopierer zu legen, wurde das Projekt des "Digitalen Notenschrankes" geboren. Dazu der Musikbibliothekar: "Die rund 11 000 gedruckten Notenseiten werden derzeit in hoher Qualität eingescannt und folglich im Internet auf unserer Homepage präsentiert. Damit wird die wertvolle Sammlung ab Sommer jederzeit der Öffentlichkeit zugänglich sein."

Genauso soll es bald auch den Briefen von Johannes Brahms ergehen. Doch diesbezüglich gibt es am Jerusalemsberg noch erhebliche Vorarbeiten zu leisten. Denn erst mal müssen die Bestandslücken mit einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Vorhaben geschlossen werden. "Wir wollen erstmalig alle Briefe an und von Brahms in einer Datenbank erfassen. Das sind zirka 10 500; schließlich war der Brief damals das zentrale Medium", erklärt Wolfgang Sandberger. Versöhnlich sagt er. "Ach - im Grunde war Brahms ja doch ganz sympathisch, er hatte immerhin 450 Briefpartner."

[Michael Hollinde]

© 2007 Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck. Alle Rechte vorbehalten.