Lübecker Stadtzeitung, 30.05.2006

Ein digitaler Notenschrank

Brahms-Institut: 11.000 Erstdruck-Seiten eingescannt und archiviert

Das Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck ist eine international beachtete Einrichtung. Die Forschungsarbeit genießt hohes Ansehen. Das jährliche Brahms-Festival der Musikhochschule ist die öffentlichkeitswirksamste Veranstaltung. Daneben wird in der Villa Eschenburg vor dem Burgtor nicht nur geforscht und ge-lehrt, sondern mit weiteren Veranstaltungen ein kultureller Beitrag in der Hansestadt geleistet.

Inzwischen wird das Brahms-Institut von über die Landesregierung bereitge-stellte Fördermittel auch in die Lage versetzt, seine reichen Bestände zu digitalisieren. Nachdem er die 650 Fotos aus dem Nachlass von Johannes Brahms zu einer Ikonographie im Internet vereinigt hat, scannt Matthias Brösicke derzeit weitere Schätze ein: die Erst- und Frühdrucke aller Werke des großen Komponisten. Der Inhaber der Firma Dematon hat sich darauf spezialisiert und richtet nun den "digitalen Notenschrank" ein, wie er das Unterfangen nennt, und widmet alle Kraft zunächst diesem umfangreichen Vorhaben.

Zwischen hundert und hundertundfünfzig Jahre alt sind die Erst- und Frühdrucke, die seit dem Beginn der Brahms-Sammlung durch Prof. Kurt Hofmann zusammengetragen werden konnten. Und nun liegen rund 11.000 Seiten vor, die es alle zu digitalisieren gilt. Dank der rasant fortgeschrittenen Technik kann sie immer besser bewältigt werden. Durch die große Speicherkapazität ist der digitale Notenschrank geradezu prädestiniert, diese Mengen aufzunehmen und verfügbar zu machen. Das geht immer schneller und immer genauer. Was im Beethovenhaus in Bonn noch Jahre brauchte und qualitativ durchaus noch zu wün-schen lässt, kommt in Sachen Johannes Brahms gestochen scharf und klar.

Dazu benötigte Mathias Brösicke nun jedoch ein völlig neues Equipment. Darüber hinaus ist allerdings große Sorgfalt und eine hohe manuelle Präzision beim Ausrichten der teilweise arg beschädigten Drucke erforderlich. Bei besonders brüchigem Papier geschieht das zusätzlich mit Hilfe eines Lasers. Und über ein spezielles Verfahren werden Wasserzeichen, die in das Notenpapier eingewirkt sind, sichtbar gemacht. Sie geben vor allem Aufschluss über die Arbeit des jeweiligen Musikverlegers. Zwar sind nicht alle einzelnen Stimmen komplett, jedoch mit allen Quellenangaben etwa von Sammlern und Brahms-Freunden wie Julius Spengel versehen. Und schließlich sind sie kopiergeschützt.

Im Internet werden die Druckseiten einheitlich mit einer Breite von 950 Pixeln präsentiert. Dabei bleiben die "echten" Ränder und Fadenbindungen sichtbar. So wird das Gefühl vermittelt, den originalen Druck wirklich vor sich liegen zu haben. Ein Menü ermöglicht das direkte Anwählen einer bestimmten Seite, Zugang ist über die Website des Lübecker Brahms-Instituts (www.brahms-institut.de) und entsprechende Links möglich.

So sehr sich die neue Technik für den digitalen Notenschrank eignet, geht Brösicke mit Publikationen seiner Firma Dematon doch auch wieder einen Schritt zurück: Sein Online-Magazin "Die Tonkunst" mit musikwissenschaftlichen Beiträgen hochkarätiger Autoren wird demnächst in gedruckter Form erscheinen. Denn es hat sich allgemein herausgestellt, dass Fachpublikationen und Lexika auf diese Weise weiterhin am besten zu handhaben sind. Auch die von ihm betreuten heiteren Opernkritiker "Eberhard und Horst" wollen neue Wege gehen; dabei zeichnet sich neben einem Hörbuch-Magazin ebenfalls eine gedruckte Version ab. Weitere Informationen sind über www.dematon.de erhältlich.

[Günther Zschacke]


© 2007 Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck. Alle Rechte vorbehalten.