Lübecker Nachrichten, 29. April 2006

Ausstellung in der Villa Eschenburg über Brahms und Mozart
Weltkulturerbe unter Glas Im Brahms-Institut ist ein Juwel zu bewundern:
Die Handschrift von Wolfgang Amadeus Mozarts berühmter Sinfonie in g-moll.

Diese Handschrift verbreitet einen ganz speziellen Zauber. Es ist die Macht des Originals, die man in den wunderschönen Räumen der klassizistischen Villa zu verspüren meint, wenn man vor der Vitrine mit den 43 Blättern steht, die Mozart beschrieben hat und die später Johannes Brahms gehörten. Eine Sinfonie, deren erste Takte so bekannt sind wie kaum ein anderes Werk des Salzburgers, liegt hier unter Glas und unter einer Spezial-Folie, die die schädliche UV-Strahlung abhalten soll. Ohne diese Handschrift würden wir dieses Werk nicht kennen, nicht aus dem Konzertsaal und nicht missbraucht aus dem Werbefernsehen. Diese Handschrift ist das Original - man mag den Blick gar nicht wieder abwenden von den wunderbar erhaltenen Seiten.

Außerdem erlaubt diese Handschrift, die vor wenigen Wochen zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt worden ist, einen Einblick in die Kompositionswerkstatt Mozarts. Von dem ist der berühmte Satz überliefert: "Es ist alles fertig komponiert, aber noch nicht geschrieben." Wie ein moderner Computer-Drucker soll Mozart seine Werke fehlerfrei niedergeschrieben haben. Fast fehlerfrei ist auch diese Handschrift der g-moll-Sinfonie - aber sie ist nicht in einem Zug niedergeschrieben worden. Mozart notierte zunächst die Bass- und die Diskantstimme, später die mittleren Stimmen. Das ist deutlich zu erkennen, weil er verschiedene Federn und verschiedene Tinte benutzte. Außerdem schrieb er zwei Fassungen der Sinfonie, eine mit und eine ohne Klarinetten-Stimme.

Die Partitur, die im Mozart-Jahr 2006 außer in Lübeck nur noch in Brüssel gezeigt wird, gehörte zur großen Mozart-Sammlung von Johannes Brahms. Der bewunderte Mozart von Jugend an, im heimatlichen Hamburg bereits sah er seine ersten Mozart-Opern, als Klavier-Virtuose trat er immer wieder mit Mozart-Programmen auf. Mozart wurde zu einer lebenslangen Liebe von Brahms, er gab später in der Mozart-Gesamtausgabe sogar das Requiem heraus. "Brahms wollte nicht als Musikwissenschaftler gelten, deshalb erschien er in der Ausgabe auch nicht als Herausgeber", sagt Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Institutes. "Fasziniert war Brahms auch von der kompositorischen Selbstkritik Mozarts. In den Mozart-Schriften, die Brahms besaß, hat er diese Passagen angestrichen. Brahms selbst war ein unerbittlicher Kritiker des eigenen Schaffens, er hat kaum Skizzen und Entwürfe hinterlassen, viele frühe Werke vernichtet."

Es ist eine vielschichtige Ausstellung, die sich um die handschriftliche Partitur der berühmten Sinfonie entfaltet. Bücher aus dem Besitz von Brahms, Notenmaterial des Virtuosen Brahms, frühe Drucke, Briefe und Notizblätter: Die Bewunderung des Hamburgers für den Salzburger wird greifbar.
Nun war Brahms selbst jedoch nicht immer nur Objekt der Bewunderung, auch das wird in der Ausstellung thematisiert. Hermann Hesse etwa mochte Brahms' Musik überhaupt nicht. In seinem Roman "Der Steppenwolf" lässt er seinen schwierigen Helden Harry Haller im "Magischen Theater" mit Mozart über Brahms plaudern. Der taucht auf, an der Spitze eines Zuges von zehntausenden schwarz gekleideten Männern. Und diese schwarze Schar sind die - nach göttlichem Urteil - überflüssigen Noten, die Brahms geschrieben hat.

[Jürgen Feldhoff]


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