Lübecker Nachrichten, 06.04.2006

Hoffnungen eines Musikers
Brahms-Institut erhielt wertvollen Brief an Paul Natorp

Lübeck - Paul Natorp war gerade 20 Jahre alt und studierte Philologie in Straßburg. Der spätere Philosoph und Pädagoge aber liebte die Musik, er spielte Klavier und komponierte - und er traute sich sogar, eins seiner Werke an den von ihm verehrten Johannes Brahms mit der Bitte um Beurteilung zu senden. Brahms antwortete dem jungen Mann - dieses Schreiben gehört seit gestern zu den Schätzen des Brahms-Institutes an der Musikhochschule Lübeck.
Christel Natorp, Enkelin des Philosophen, hatte den Brief im Nachlass einer Tante entdeckt, sie übergab den wertvollen Autographen gestern an den Institutsleiter Wolfgang Sandberger. "Dieses Schreiben war bislang unbekannt, es bereichert unsere Sammlung. Und es passt hervorragend zu unserer derzeitigen Forschungsarbeit, an unserem Institut werden alle Briefe von und an Brahms registriert als Vorarbeit für eine spätere Ausgabe", sagte Sandberger gestern.
Johannes Brahms war mit der Komposition des jungen Natorp, einem Fantasiestück für Klavier, wenig zufrieden. "Ich kann nicht umhin Ihnen den Rath zu geben bei Ihren bisherigen Studien zu bleiben u. hoffe aus Ihrem Brief richtig zu ersehen, dass Sie dieses bisjetzt nicht vernachlässigt haben", schrieb Brahms in aller Deutlichkeit. Er könne dem jungen Mann nicht ernsthaft raten, eine musikalische Laufbahn einzuschlagen.
Natorps Antwort auf diese Ablehnung ist im Brahms-Nachlass überliefert. Mit großem romantischen Überschwang schildert der Student seine heiße Liebe zur Musik, seine Leidenschaft für die Kunst - man möchte Mitleid mit dem Zwanzigjährigen haben. "Natorp, der ja eine glänzende akademische Karriere machte, hat sein Leben lang weiter komponiert", sagt Wolfgang Sandberger. "Und Brahms hat die Klavier-Fantasie immerhin aufbewahrt. Natorps Kompositionen sind natürlich in gewissem Sinne epigonal, aber sie sind ambitioniert und handwerklich professionell gemacht. Mit Johannes Brahms hatte sich Natorp allerdings auch einen Gutachter ausgesucht, der härter kaum hätte sein können. Brahms ging vor allem mit sich selbst streng ins Gericht. Er hat zum Beispiel 20 seiner Quartette vernichtet, ehe er das erste hat drucken lassen. Entsprechend war sein Anspruch auch an andere Komponisten."

[Jürgen Feldhoff]
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