Hoffnungen eines Musikers
Brahms-Institut erhielt wertvollen Brief an Paul Natorp
Lübeck - Paul Natorp war gerade 20 Jahre alt und
studierte Philologie in Straßburg. Der spätere
Philosoph und Pädagoge aber liebte die Musik, er
spielte Klavier und komponierte - und er traute sich
sogar, eins seiner Werke an den von ihm verehrten Johannes
Brahms mit der Bitte um Beurteilung zu senden. Brahms
antwortete dem jungen Mann - dieses Schreiben gehört
seit gestern zu den Schätzen des Brahms-Institutes
an der Musikhochschule Lübeck.
Christel Natorp, Enkelin des Philosophen, hatte den
Brief im Nachlass einer Tante entdeckt, sie übergab
den wertvollen Autographen gestern an den Institutsleiter
Wolfgang Sandberger. "Dieses Schreiben war bislang
unbekannt, es bereichert unsere Sammlung. Und es passt
hervorragend zu unserer derzeitigen Forschungsarbeit,
an unserem Institut werden alle Briefe von und an Brahms
registriert als Vorarbeit für eine spätere
Ausgabe", sagte Sandberger gestern.
Johannes Brahms war mit der Komposition des jungen Natorp,
einem Fantasiestück für Klavier, wenig zufrieden.
"Ich kann nicht umhin Ihnen den Rath zu geben bei
Ihren bisherigen Studien zu bleiben u. hoffe aus Ihrem
Brief richtig zu ersehen, dass Sie dieses bisjetzt nicht
vernachlässigt haben", schrieb Brahms in aller
Deutlichkeit. Er könne dem jungen Mann nicht ernsthaft
raten, eine musikalische Laufbahn einzuschlagen.
Natorps Antwort auf diese Ablehnung ist im Brahms-Nachlass
überliefert. Mit großem romantischen Überschwang
schildert der Student seine heiße Liebe zur Musik,
seine Leidenschaft für die Kunst - man möchte
Mitleid mit dem Zwanzigjährigen haben. "Natorp,
der ja eine glänzende akademische Karriere machte,
hat sein Leben lang weiter komponiert", sagt Wolfgang
Sandberger. "Und Brahms hat die Klavier-Fantasie
immerhin aufbewahrt. Natorps Kompositionen sind natürlich
in gewissem Sinne epigonal, aber sie sind ambitioniert
und handwerklich professionell gemacht. Mit Johannes
Brahms hatte sich Natorp allerdings auch einen Gutachter
ausgesucht, der härter kaum hätte sein können.
Brahms ging vor allem mit sich selbst streng ins Gericht.
Er hat zum Beispiel 20 seiner Quartette vernichtet,
ehe er das erste hat drucken lassen. Entsprechend war
sein Anspruch auch an andere Komponisten."