Die umfangreiche Reihe der Brahms gewidmeten
musikalischen Werke unterstreicht einmal mehr die zentrale
Stellung, die der Komponist im europäischen Musikleben
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts innehatte.
Dass Brahms diesen Werken eine besondere Aufmerksamkeit
zumaß, zeigt sich in jener Liste der "Widmungen",
die er persönlich führte. In umfangreichen
Recherchen konnte das Institut bislang 92 Kompositionen
ermitteln, die zwischen 1853 und 1902 entstanden und
Brahms dediziert worden sind. Die Kompositionen, die
mittlerweile fast alle in Lübeck vorliegen, geben
ein Spiegelbild von Brahms' eigenen Gattungs-Vorlieben:
Klavierwerke führen die Gruppe mit über einem
Drittel an, gefolgt von der Kammermusik mit etwa 25
Prozent und den Orchesterwerken mit 10 Prozent. Geringeren
Anteil haben Chorwerke und Lieder. Bezeichnenderweise
fehlt im Widmungskatalog eine Oper.
Weitere Aspekte lassen eine differenziertere Ordnung
des Werkbestandes zu. Da wären zunächst jene
acht Werke, die zwischen 1897 und 1902 posthum "dem
Andenken Brahms'" gewidmet wurden. Sie sind - im
Gegensatz zu den späteren Werken des 20. Jahrhunderts
- aufgenommen worden, da sie 1. noch im unmittelbaren
Eindruck des Todes des Komponisten und 2. noch im Zeitrahmen
der Publikationsspanne von dessen letztem Werk mit Opuszahl,
den Choralvorspielen op. 122 (gedruckt 1902), entstanden
sind. Die Widmungswerke umfassen requiemartige Kompositionen
wie die Messe Rheinbergers (1897), diverse Kammermusik,
zwei Klavierstücke Max Regers (eines davon mit
dem sprechenden Titel "Resignation"), aber
auch zwei sinfonische Werke von 1901 und 1902, die auf
dem Titelblatt den Hinweis "dem Andenken Brahms'"
tragen und ihm somit stilistisch in gewisser Weise verpflichtet
sind.
Auch sind jene Werke zu einer Gruppe zusammenfassen,
die von engeren Freunden von Brahms komponiert wurden
und z.T. Reaktionen auf umgekehrt dedizierte Werke bilden:
Dazu zählen etwa die Klavierwerke Clara und Robert
Schumanns aus den ersten Jahren der Bekanntschaft mit
Brahms, Werke von prominenten Bekannten wie Johann Strauß
und Antonín Dvorak oder jenen langjährigen
Freunden wie Joseph Joachim Julius Otto Grimm, Carl
Georg Peter Grädener, Albert Dietrich, Robert Fuchs,
Julius Stockhausen oder Theodor Kirchner, um nur einige
zu nennen. Schriftliche Äußerungen legen
nahe, dass Brahms Widmungen durchaus nicht nur als leere
Geste empfand. So schrieb er an Ernst Rudorff 1869:
"Unter allen Umständen scheint mir die Widmung
eines Werkes das ehrenvollste und freundlichste Geschenk,
das gegeben und empfangen werden kann" oder an
Bernhard Scholz 1878: "Es gibt gar kein besseres
Geschenk als eine Widmung", konnte aber auch schon
einmal doppelzüngig werden, wenn ihm etwas missfiel.
So bedankte er sich bei Joseph Rheinberger für
die ihm gewidmeten Klavierstücke: "Ich mag
bekennen, daß ich beim Durchspielen wohl zuweilen
etwas seufze. Man empfindet so angenehm die schöne
Häuslichkeit, in der Sie leben und schaffen."
Tatkräftig unterstützt wurde das Institut
von drei weiteren Bibliotheken, die für die Internetpräsentation
17 Widmungswerke, die im Institutsbestand noch fehlen,
beigesteuert haben. Der Musikabteilung der Bayerischen
Staatsbibliothek München ist zu danken, dass die
hauseigenen 13 Werke dort gescannt werden konnten und
nun über Verlinkung von der Website des Brahms-Instituts
aus zugänglich sind. Die Bibliothek der Universität
der Künste, Berlin, und die Wissenschaftliche Stadtbibliothek
Mainz schickten ihre Notendrucke nach Lübeck, damit
sie vor Ort digitalisiert werden konnten.
Der Start der Online-Präsentation dieser
Digitalisate ist für den Herbst 2010 vorgesehen.