 |
Die Stichvorlagen stellen
quantitativ den größten Anteil im Bestand
der Musikhandschriften des Instituts. Sie wurden vielfach
von Brahms selbst sorgfältig überarbeitet
und begründen dadurch ihren musikhistorischen wie
-editorischen Wert. Bisweilen enthalten sie auch über
Detailkorrekturen hinausgehende, umfangreichere autographe
Ergänzungen, wie etwa die Beilagen zur Violinfassung
der beiden Klarinettensonaten op. 120 oder der im Klavierauszug
zum Deutschen Requiem integrierte, nachkomponierten
5. Satz "Ihr habt nun Traurigkeit" zeigen.
Bei der Drucklegung eines Werkes kommt der Stichvorlage
eine vermittelnde Funktion zu. Sie steht zwischen
Autograph und Erstdruck. Meist vom Kopisten abschriftlich
angefertigt, diente sie im Verlag dem Notenstecher
als Vorlage zur Herstellung der Druckplatten. Bei
Johannes Brahms hat die Stichvorlage im Rahmen der
Werkgenese zentrale Bedeutung, da sie häufig
als erste Quelle den letzten Willen' des Komponisten
spiegelt. Er hat sie vor dem Druck gründlich
revidiert und auch Änderungen eingearbeitet,
die im Autograph noch fehlen.
"Die Lübecker Stichvorlage [des Deutschen
Requiems] bildete das entscheidende Bindeglied zwischen
Handschrift- und Druckstadium des Klavierauszuges.
Zahlreiche autographe Eintragungen belegen, dass Brahms
dieses Manuskript eingehend durchsah und in vielen
Details überarbeitete. Am augenfälligsten
sind mehrere Tekturen (Überklebungs-Korrekturen),
durch die Brahms die ursprünglichen Fassungen
in dieser Manuskriptquelle außer Kraft setzte,
teilweise auch unkenntlich machte. [...] Auf den Überklebungen
notierte Brahms selbst die jeweilige neue, definitive
Version" (Michael Struck in Patrimonia
80, S. 7).
Das Institut bewahrt Stichvorlagen zu ca. 45 Brahmsschen
Werken auf, die fast sämtliche Gattungen seines
Schaffens umfassen: Orchester- und Chorwerke, Kammermusik
und Lieder. Vor allem einem Zufallsfund war es zu
danken, dass das Institut heute über einen so
reichen Stichvorlagen-Bestand verfügt. Auf dem
Dachboden der Schweizer Familie Auckenthaler, Nachfahren
des Brahms-Verlergers Fritz Simrock, kam Ende der
1980er Jahre ein Karton ans Licht, der 32 Stichvorlagen
zu Werken von Johannes Brahms enthielt. 1990 bereits
konnte das wertvolle Konvolut durch die großzügige
Unterstützung mehrerer Stiftungen für das
Brahms-Institut erworben werden. "Von besonderem
Wert ist die aus dem Nachlass von Fritz Simrock stammende
Stichvorlage zum ersten Satz der ersten Symphonie
[op. 68], da das Manuskript des Komponisten hierzu
verschollen ist. Man nimmt an, dass Brahms selbst
es vernichtet haben könnte, um die Spuren der
komplizierten Satzgenese - zahlreiche Korrekturen
und Umarbeitungen - zu tilgen." (Stefan Weymar
im Ausstellungskatalog Johannes
Brahms - Zeichen, Bilder, Phantasien, S. 18)
Der Start der Online-Präsentation dieser
Quellen ist für den Herbst 2010 vorgesehen.
|